18.04.18

Nosokomiale Infektionen:

So schützen Krankenanstalten ihre Patienten, ihre Mitarbeiter und sich selbst

Die konsequente Prävention nosokomialer Infektionen ist dringend erforderlich: Damit lassen sich menschliches Leid, höhere Sterblichkeit, Behinderungen und Arbeitsunfähigkeit, unnötige volkswirtschaftliche Ausgaben, Imageschäden und Kosten für die betroffenen Krankenhäuser sowie ernste rechtliche Probleme für den Krankenhausträger und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermeiden. Im Rahmen der Initiative „Sicherheit im OP“ diskutierte Josef Zellhofer, Bundesvorsitzender der ÖGB/ARGE-FGV für Gesundheits- und Sozialberufe, mit anderen Fach-Expertinnen und -Experten am 20. November 2017 notwendige Schritte.

Zellhofer: „Nosokomiale Infekte durch ausreichende Personalressourcen im Vorfeld verhindern.“

„Die Sparpolitik im Gesundheitssektor führt nicht nur zu einer hohen Arbeitsbelastung und steigenden Burnout-Raten bei den Beschäftigten. Für die Patientinnen und Patienten kann es dabei um Leben und Tod gehen, da wichtige Hygienemaßnahmen durch eine hohe Arbeitsdichte oft zu kurz kommen“, so Zellhofer (Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger). „Das ist nicht nur für die Patienten eine ernsthafte Bedrohung, sondern natürlich auch für die Beschäftigten in Krankenanstalten, die diesen Keimen täglich ausgesetzt sind.“

Wer am Personal spart, erhöht das Risiko

Es sei allgemein bekannt, dass Händehygiene die einfachste, günstigste und gleichzeitig die effektivste Maßnahme zur Vermeidung von Infektionen ist. Zellhofer: „In der Praxis stößt das allerdings oft an Grenzen. Je 30 Sekunden vor und nach jedem Patientenkontakt summieren sich auf rund zwei Stunden pro Person und Schicht. Das ist mit der derzeitigen Personalsituation nicht immer und überall machbar. Anders ausgedrückt: Wer weiter an Personal spart, gefährdet die Gesundheit der Patienten und Mitarbeiter noch zusätzlich.“

Natürlich koste zusätzliches Personal Geld, aber verglichen mit den Folgekosten solcher Infektionen – von längeren Spitalsaufenthalten, über vermehrte Krankenstände bis hin zu vermeidbaren Pflegekosten – seien das vergleichsweise geringe Ausgaben: „Statt die Ausbildung weiter nach unten zu nivellieren, bräuchten wir gerade in diesem Bereich eine deutliche Bildungsoffensive. Nicht zuletzt, weil mehr qualifiziertes Personal auch in der Lage wäre, die Folgen solcher Infektionen abzumildern.“

Die häufigste Todesursache sei die Sepsis. Eine US-Studie zeige, dass eine beschleunigte Früherkennung und rasche Behandlung die Sterblichkeitsrate um bis zu 45 Prozent senken kann. Gleichzeit lassen sich durch Früherkennung die Behandlungskosten um bis zu 54 Prozent reduzieren. Zellhofer: „Allerdings braucht es für die die Umsetzung einer solchen ‚Sepsis Power Hour‘ ausreichend geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, damit frühe Anzeichen einer Sepsis im Stress nicht übersehen werden.“

Kein „Erbsenzählen“ auf dem Rücken von Mitarbeitern und Patienten

Eine sehr klare Absage erteilte Zellhofer dem zunehmenden Trend zum „Erbsenzählen“ auf dem Rücken von Mitarbeitern und Patienten: „Es kann und darf nicht sein, dass zum Beispiel bei Produkten gespart wird und der in der Folge auftretende zusätzliche Arbeitsaufwand den Mitarbeitern aufgebürdet wird und die entstehenden Risiken die Patienten zu tragen haben. Bei der aktuellen Sparpolitik im Gesundheitswesen beißt sich die berühmte Katze in den eigenen Schwanz. Da wird an einem Ort gespart und am anderen Ort explodieren die Kosten. Dem muss endlich Einhalt geboten werden.“

Anwältin Dr. Ploier: „Nosokomiale Infektionen werden zunehmend auch die Gerichte beschäftigen.“

Bis dato wurden nosokomiale Infektionen von Patienten als eine Art unvermeidliche Begleiterscheinung eines Spitalsaufenthalts angesehen. Selten wurden daraus Schadenersatzansprüche abgeleitet. Dr. Monika Ploier, Rechtsanwältin bei HLMK-Rechtsanwälte und Medizinrechtsexpertin: „Diese Sichtweise ändert sich aber zunehmend – nicht zuletzt weil inzwischen etliche Studien zeigen, dass derartige Infektionen häufig vermeidbar wären. Absehbarer Weise wird das Thema daher zukünftig vermehrt auch die österreichischen Gerichte beschäftigen. Das Verbandsverantwortlichkeits-Gesetz, aufgrund dessen die Führung eines Krankenhauses strafrechtlich verfolgt werden kann, könnte dieser Entwicklung zusätzliche Impulse geben.“

Sofern ein Patient aufgrund einer solchen Infektion Schaden erleidet, kann er mit einer Klage Schadenersatz – vor allem in Form von Schmerzensgeld – verlangen, so Dr. Ploier: „Die Klage kann sich dabei sowohl gegen das Krankenhaus als auch gegen einzelne Ärzte oder Pflegekräfte richten.“

Tipps für die Praxis

für Krankenanstalten: Regelmäßige Fort- und Weiterbildung bezüglich hygienerechtlicher Vorgaben; Einführung eines internen und externen Kontrollsystems/Qualitätssicherung durch Zertifizierung; Verfassen von SOP-Vorgaben und Richtlinien für die Mitarbeiter.

für Angehörige der Gesundheitsberufe: Kenntnis und Einhaltung der relevanten Hygienevorschriften; Aufmerksam machen auf mögliche Mängel und „lästig sein“ – Meldung an die zuständige Stelle; Einhaltung und Einforderung von SOPs und Richtlinien.

für Patienten: Einhaltung von ärztlichen und pflegerischen Anweisungen, insbesondere hinsichtlich Hygienevorgaben; Im Zweifel nachfragen; Hinweise auf Hygienefehler melden.

Dir. Dr. Brigitte Ettl: „Konkrete Zahlen bewirken mehr als allgemeine Appelle.“

4,1 Millionen Menschen erkranken in Europa jährlich an einer nosokomialen Infektion, die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt in einem Krankenhaus oder einer anderen Gesundheitseinrichtung erworben wird. Hochgerechnet sterben in Österreich pro Jahr 2.400 Menschen in Folge solcher Infektionen, berichtete Dr. Brigitte Ettl, Präsidentin der Österreichischen Plattform Patientensicherheit (Ärztliche Direktorin am KH Hietzing). „Patienten haben Anspruch auf größtmögliche Sicherheit. Daher ist es unsere Aufgabe, sie bestmöglich vor nosokomialen Infekten zu schützen. So selbstverständlich das klingt – im alltäglichen Klinikbetrieb stellt sich oft die Frage, wie sich dieser Anspruch in die Köpfe der Mitarbeiter bringen lässt. Um das Bewusstsein nicht nur zu schaffen, sondern stets wach zu halten, haben wir im Alltag eine Reihe von Maßnahmen installiert. Jedes neue Team-Mitglied bekommt eine spezielle Schulung.“ Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die schon länger tätig sind und wo sich bestimmte Gewohnheiten schon verfestigt haben, gibt es eigene Angebote.

Aktive Nachschau und intensive Kontrollen durch Hygieneteam

„Zudem setzen wir auf aktive Nachschau und intensive Kontrollen durch unser Hygieneteam“, sagte Dr. Ettl. Diese Spezialistinnen und Spezialisten führen stichprobenartig Kontrollen in allen Abteilungen durch und analysieren dabei allfällige Mängel wie etwa zu geringe Bettenabstände. Bei Bedarf führen sie auch Nachschulungen der Mitarbeiter durch. Wenn sich nosokomiale Infektionen in einer Abteilung häufen, ist das Hygieneteam als erstes vor Ort um mögliche Ursachen so früh wie möglich zu erkennen und zu beseitigen. „Im Anlassfall ist eine Nachschulung verpflichtend – und das gilt für alle, egal ob es eine Reinigungskraft oder den Primar einer Abteilung betrifft“, so Dr. Ettl. „In jedem Fall ist es wichtig, es nicht bei gut gemeinten Appellen zu belassen: Wenn wir Fehlverhalten entdecken führen wir zunächst ein Motivationsgespräch, im Wiederholungsfall ein Konfrontationsgespräch. Hilft auch das nicht, dürfen Verantwortliche auch vor einem ultimativen Sanktionsgespräch nicht zurückscheuen.“

Hygieniker Dr. Blacky: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel.“

„Zum Glück haben sich viele Maßnahmen zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen in Österreich bereits gut etabliert. Die gewissenhafte Validierung und Aufbereitung von Medizinprodukten ist heute eine Selbstverständlichkeit“, so Dr. Alexander Blacky (Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie; Inspektionsstelle Sterilisation und Desinfektion VAMED-KMB; Mitglied des Arbeitskreises für Hygiene in Gesundheitseinrichtungen des Magistrats der Stadt Wien; Österreichische Gesellschaft für Krankenhaushygiene). „Diese Prozesse werden von uns jährlich überprüft und ggf. auch optimiert. Dazu kommen penible Dokumentationen und Routinekontrollen. Im Gesundheitsministerium wurde ein Erfassungssystem für nosokomiale Infektionen bei bestimmten Indikatoreingriffen oder Behandlungen etabliert, das die Raten verschiedener Krankenhäuser vergleichbar macht und den Teilnehmern ein anonymes Feedback garantiert. Zudem laufen die Daten beim European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) auch auf europäischer Ebene zusammen. Im internationalen Vergleich liegen wir, abhängig vom gemessenen Indikator, im Durchschnitt oder im oberen Drittel. Wir sind auf einem guten Weg – aber noch lange nicht am Ziel.“

Besonders betonen müsse man die hohe Bedeutung der Händedesinfektion. Hier beginne sich das Bewusstsein in die richtige Richtung zu entwickeln, aber es gibt sicherlich noch Potenziale für Optimierung.

Personalschlüssel, Ausbildung & Co

Im Rahmen der ProHyg 2.0-Initiative hat das Gesundheitsministerium adäquate Personalschlüssel für Krankenhaushygieniker, hygienebeauftragte Ärzte und Hygienefachkräfte festgelegt, so Dr. Blacky: „Auch wenn diese Richtlinien nicht absolut verbindlich sind, sind sie doch eine gewichtige Empfehlung. Die Umsetzung ist aber noch nicht lückenlos, weil an manchen Stellen personelle, finanzielle oder strukturelle Ressourcen fehlen. Daher ist die personelle Besetzung der Krankenhaushygiene und die Umsetzung ihrer Aufgaben noch immer eine Herausforderung. Zudem haben wir auch zu wenige Ausbildungsstellen und Fachärzte für klinische Mikrobiologie und Hygiene. Ersatzweise werden Hygieneaufgaben oft von hygienebeauftragen Ärzten übernommen, die sich dieser Aufgabe nicht immer aus vollem Wissen oder voller Überzeugung widmen können.“

Um die Situation nachhaltig zu verbessern, müsste man Pflegekräfte, aber auch Ärztinnen und Ärzte von allen Tätigkeiten entlasten, die nicht unmittelbar mit Medizin und Pflege zu tun haben. Dr. Blacky: „Derzeit verbringen diese Berufsgruppen mit Verwaltungsaufgaben viel zu viel Zeit, die letztlich am Krankenbett fehlt, was zu vermeidbaren Fehlern führt. Weiters wäre es wichtig, dass Prozesse und Auslastungen ausschließlich von Menschen geplant werden, die den Krankenhausalltag auch wirklich und nicht nur aus der Helikopterperspektive kennen.“

Unterstützung durch intelligente elektronische Systeme

Leider verzichte man im Kampf gegen Krankenhausinfektionen immer noch weitgehend auf die Unterstützung durch intelligente elektronische Systeme. Mit modernen IT-Lösungen ließen sich mit geringem Aufwand Frühwarnsysteme etablieren, die nicht nur in der Lage sind, einzelne Patienten als Risikofall zu identifizieren sondern darüber hinaus auch andere Krankenhäuser rechtzeitig über das vermehrte Auftreten bestimmter Erreger zu informieren. Solche Systeme existieren und sind in vergleichbaren Ländern bereits im Einsatz. „Bei uns werden sie erst vereinzelt auf Intensivstationen eingesetzt. In diesem Punkt sind wir eindeutig zu konservativ“, so Dr. Blacky. „Wenn wir nosokomiale Infektionen wirkungsvoll bekämpfen wollen, müssen wir alles dafür tun, die Innovationsfreude, die wir im chirurgischen Geschäft täglich an den Tag legen, auch im stationären Alltag zu etablieren.“

Patientenanwalt Dr. Bachinger: „Kritische Patienten sind eine große Ressource im Kampf gegen Krankenhausinfektionen.“

„In den letzten Jahren wurde in Österreich enorm viel zur Verbesserung der Krankenhaushygiene getan“, sagte Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der ARGE der Patientenanwälte Österreichs. So wurde 2015 ein bundesweiter „Qualitätsstandard zur Organisation und Strategie der Krankenhaushygiene“ empfohlen und im Vorjahr eine „Rahmenrichtlinie zur systematischen Erfassung von Krankenhauskeimen“. Dadurch werden bislang kaum vergleichbare Kontrollsysteme und Ergebnisse erstmals vergleichbar gemacht. Darauf aufbauend ergibt sich erstmals in Österreich die Chance auf mehr Transparenz in diesem Bereich. Dr. Bachinger: „Als Patientenanwalt werde ich einfordern, dass die aufbereiteten Vergleiche auch veröffentlicht werden. Diese Form der Transparenz ist das schärfte Schwert im Kampf gegen Krankenhausinfektionen. Wo die Zahlen schlecht sind, werden die Patienten schlicht und einfach ausbleiben.“

Karl Preterebner

Karl Preterebner
Karl Preterebner

Bundessekretär der ÖGB/ARGE-FGV für Gesundheits- und Sozialberufe
Gesund & Sozial-Chefredakteur